Über Die Elektronische Galerie

(bzw. von T.D. dazu und zu artverwandten Projekten)

 

„...vermittelt über Datennetz elektronische Werke, die keines realen Präsentationsortes bedürfen (vgl. Die elektronische Galerie des KUNSTLABORS in Wien).... Werke für Datennetze können Kommunikationsrahmen offerieren. Der Kommunikationsrahmen sieht für Beobachteroperationen entweder nur Leerstellen für Kommentare vor oder auch Umstrukturierungen des Rahmens selbst.... Die Netz-Werke können diese Untersuchung (kontextuelle Analyse; Anm.) selbst enthalten, indem sie ihr eigenes Konzept und seine Relation zum vorgegebenen Kontext, zum ´Netzsystem Kunst´ explizieren. Konzeptualisierung durch Investigation der (Grenzen der) Möglichkeiten zur Selbsteinbettung in vorgefertigte (und änderbare?) elektronische Kontexte.... Das etablierte ´Netzsystem Kunst´ liefert Spielregeln, aus denen der Metakommunikationsrahmen des Netz-Werks einen Teil selektiert und ihn entweder affirmativ als Metarahmen des Werks übernimmt oder sich kritisch bis negativ zu ihm verhält....Die Schichtengliederung einer von Künstlern für ein etabliertes ´Netzsystem Kunst´ geschaffenen elektronischen Galerie entspricht in ihren Problemstellungen künstlerischen Installationen mit Kunstwerken in Kunstausstellungen und Museen, wie sie von Michael Asher, Marcel Broodthaers, Daniel Buren, Ed Kienholz, Joseph Kosuth, Gerhard Merz oder Daniel Spoerri in den siebziger und achtziger Jahren geschaffen wurden....Die Trennung Kunstwerk und Institution Kunst gerät an einen (für den etablierten Kunstkontext mit strikter hierarchischer Trennung zwischen Werk und Vermittlung) kritischen Punkt, wenn das Netz-Werk aus einem Vorschlag zur De- und Rekonstruktion der Funktion des Netzsystems der ´Institution Kunst´ besteht, der künstlerische Vorschlag in diesem ´Netzsystem Kunst´ zirkuliert, die vorgeschlagene Rekonstruktion von Netzwerkbeobachtern praktiziert und als neue Spielregel im Kunstkontext akzeptiert wird: Das Netz-Werk wandelt sich vom künstlerischen Beitrag zur Komponente des ´Netzsystems Kunst´.... An diese Formen der seit Ende der sechziger Jahre sich zur kunstinternen Institutionenkritik wandelnden Anti-Kunst (von der Anti-Kunst zur Kunst-über-den-Kunstbetrieb) können in Datennetzen operierende kontextkritische Netz-Werke anschließen und sie ausdifferenzieren....Mehrschichtige Netz-Werke komplizieren die Relation zum ´Netzsystem Kunst´ in einer Weise, die den Fall wahrscheinlich macht, daß ein Netz-Werk dem ´Netzsystem Kunst´ schon eine Modifikation seines (Meta-)Metarahmens geliefert hat, bevor das ´Netzsystem Kunst´ in seinem alten Zustand darauf zu reagieren fähig war.“

 

Thomas Dreher: Vernetzungskünst(l)e(r). The arts and artists of networking, in: @rs elecronica 95, Mythos Information - Welcome To The Wired World, (Hrsg.: Karl Gerbel, Peter Weibel), Wien/New York, Springer-Verlag 1995, S. 62 - 67.

 

 

“Ein Projekt, das im Gegensatz dazu nicht als Mailbox funktioniert, sondern selbst einen spezifischen Begriff des Netzes erzeugt, ist die Elektronische Galerie, die vom "Kunstlabor" (Franz Xaver, Oskar Obereder, Max Kossatz und F. E. Rakuschan) seit 1992 entwickelt und seit 1994 be- und vertrieben wird. Die Elektronische Galerie ist als autonomes und autarkes System angelegt und reagiert in dieser Form sozusagen auf die durchgehende Kommunikationsideologie, die vom Konzept eines offenen, flexiblen, sich ständig unter dem Einfluß der Teilnehmer veränderndem Kommunikations- und Informationssystem als "Pool" ausgeht - und ihn negiert....Die Elektronische Galerie entzieht sich somit einer spezifischen Medienkunst-Ideologie: sie ist gerade nicht interaktiv, sie realisiert kein komplexes System, sie bietet keine Beteiligung an, sie intendiert keine neue Bildform - trotz allem geht es nicht um eine Rehabilitierung der Computergrafik oder des klassischen Autors; sie setzt rigide eine Systemidee in ein Kunstprojekt, und indem sie große Teile der Rhetorik über Medienkunst in diesem Systemkonzept ignoriert, erscheint sie gleichzeitig als ein Statement zu zahlreichen Begriffen des rhetorischen Diskurses um neue Medien, ein Statement zur jener Kunstszene, die sich diesen Diskurs angeeignet hat und damit als Kommentar, als "reales" System gewordener Kommentar zum affirmativen Kontext, den diese (teilweise) produziert.“

 

Reinhard Braun: Am Rande des Netzwerks.

Aktuelle Projekte aus Österreich; Teil 2, in: Camera Austria 51/52 (1995), S. 187/188.