Der
untenstehende Text ist eine vom Autor 1996
überarbeitete Version eines Katalogtextes, der publiziert ist in: @rs
elecronica 95, Mythos Information - Welcome To The Wired World, (Hrsg.: Karl
Gerbel, Peter Weibel), Wien/New York, Springer-Verlag 1995, S. 271 - 277.
KUNSTLABOR
STRUKTURORIENTIERTE KUNST -
Technodiskurs im ´ice´ der
Ideologieproduktion
Dem
intentionalen Gesamtplan STRUKTURORIENTIERTER KUNST liegt ein Selbstverständnis
zugrunde, das die Kunst unter gesamtgesellschaftlich-funktionalen Bedeutungsaspekten
definiert. Das
impliziert schon die Berücksichtigung von Kontingenz, die sich aus der
Projektion des je vorliegenden Planes auf die möglichen Operationsfelder
ergibt. Das von den Professionisten (Medien-Aktivisten) gestartete
Kommunikationsprogramm (Kunst-Projekt) ist in seinem Anschlußwert vorerst
unbestimmt und in der Folge seiner Verfahrenswege der Dynamik von komplexen
Handlungs- bzw. Kommunikationssystemen ausgesetzt. Dieses Programm durchläuft
also im intertextuellen Raum diverse Folgen von Zustände, die als Attraktoren
im Sinne der formalen Theorie dynamischer Systeme vorgestellt werden können.
Oder frei nach Julia Kristeva: der Text entsteht aus der Bewegung einer
simultanen Affirmation und Negation anderer Texte. Der Kontext ist dabei immer
komplexer als der Text selbst. Das erfordert den Ausgleich der
Komplexitätsunterlegenheit durch Strategien. Diese beabsichtigten Einflußnahmen
sind aber wie seine Handlungsträger strukturell determiniert und gekoppelt,
wonach die sog. Strategien besser vorsichtig als intervenierende Maßnahmen
bezeichnet werden.
Ohne
die Eigendynamik bzw. die Eigengesetzlichkeit von komplexen Systemen leugnen zu
wollen, konzeptualisieren wir soziale Systeme dahingehend, daß die
Verfahrenswege von Interaktionen durch sich wechselseitig bedingende
Aggregationsniveaus gesteuert werden, und gezielte intervenierende Maßnahmen,
je nach Kontrollmöglichkeit der zu beeinflußenden Felder, ebenso von Personen
bzw. -gruppen auf der Skala von wahrscheinlich bis unwahrscheinlich gesteuert
werden können. Der
gesellschaftskritische Diskurs konstatiert dazu etwa strukturelle Gewalt,
konkrete Machtverhältnisse zwischen Interessensgruppen, demnach Herrscher und
Beherrschte, Hegemonie von Machtmonopolen usw.
Der
gegenwärtig rasant ansteigende Bedarf nach digitaler Kommunikation (KM)
eröffnet neue Märkte mit gewaltigen Marktvolumina. Kein Wunder also, daß der
Kampf um die Vorherrschaft voll entbrannt ist. Die Player am globalen
Zukunftsmarkt formieren sich in strategischen Allianzen und Elefantenhochzeiten.
Computerhersteller und Softwareentwickler, Telefon- und Kabelnetzbetreiber,
Elektronikriesen, Filmstudios (die schon heute den Filmmarkt weltweit
beherrschen), Medienkonzerne, Verlage, Entertainment-Konglomerate und
Datenleister aller Art: sie alle wollen ein möglichst großes Stück vom neuen
fetten Kuchen abbekommen. In wenigen Jahrzehnten wird die TeleKM als
volkswirtschaftlicher Leistungsträger gar die Automobilindustrie überflügelt
haben, prophezeien die Sozialökonomen. Damit aber alles so richtig in´s Laufen
kommt, bedarf es noch gigantischer Investitionen bspw. für den flächendeckenden
Ausbau leistungsfähiger Netzwerke, die zur Breitbandübertragung taugen.
Von
der Konzeption des perfekten Chip-Bürgers ist es nicht weit zu Verhaltenslenkung
und Massenkontrolle.
Das wird auch in der EU demokratiepolitische Interventionen von
Regulierungsinstanzen notwendig machen - etwa nach dem Vorbild der Electronic
Frontier Foundation (EFF)(1) -, die nicht zuletzt mittels der neuen
Kommunikationsräume bedenklichen Entwicklungen ebenda rechtzeitig vorbeugen
können. Denn nur der freie Fluß von Ideen in den weltumspannenden
Computernetzen ist ein Garant für die Bereicherung unserer sozialen,
politischen und privaten Lebensbereiche. Die der KMTechnologie inhärenten
demokratischen Potentiale, wie bspw. der tatsächliche multimediale Austausch
von Informationen jeder Art (und zwar in beide Richtungen, wie es schon Bertolt
Brecht 1932 in seiner Rede über die Funktion des Rundfunks gefordert hat (2)),
kann heute technisch optimal nur durch breitbandtaugliche Verkabelung eingelöst
werden. Nach den Plänen der Medienkonzerne soll die Breitbandübertragung
allerdings vorrangig dazu genutzt werden, um möglichst viele Haushalte mit
werbeträchtigen Programmen vollzupumpen. Die Cybernauten rund um den Erdball
schwören daher uneingeschränkt auf die bescheideneren Möglichkeiten des
Internet, wo mit PC, Telephonanschluß und Modem die Teilhabe schon gesichert
ist. Info-Krieg im Cyberspace ist heute keine ScienceFiction mehr.
In
der Regel glaubt der User, daß die angebotenen elektronischen Systeme,
Programme, Applikationen usw. seinen Bedürfnissen angepaßt sind.
Hackermentalität setzt dagegen schon voraus, daß de facto dem so nicht ist. Charles Baudelaire und Oskar Wilde
setzten einst dem bürgerlichen Leistungsprinzip das Lustprinzip entgegen und
propagierten als Gegentypus zum Bourgeois den Dandy: das utopische Ideal
individueller, geistiger, wie künstlerischer Autonomie, eine Symbiose von
Kreation und Genuß, eine Rolle in nichtentfremdeter Identität. Zugegeben, das
ist lange her. Und dahingehende idealistische Ansprüche können heute wie zuvor
nur mit hohem Risikoeinsatz aufrecht erhalten werden. Eben nur so lange, bis es
knallt. So geschehen einem 17jährigen Hacker mit dem Decknamen Datastream, der
das Computersystem des US-Verteidigungsministeriums geknackt und sich Zugang zu
Geheiminformationen des Pentagon verschafft hat. Unter anderem verbreitete er
im Internet diverse Geheiminformationen über die Nuklearkrise in Nordkorea. Im
Juli 1994 wurde der zur Tatzeit 16jährige von Scotland Yard verhaftet.
Während
noch große Teile des internationalen Kunstbetriebs im Hangover des verflossenen
Kunst-Booms orientierungslos vor sich hin werkeln, sprießt in der sich global
neuformierenden Kunst/Welt die electronic subcommunity. Hier gilt die totale Konvergenz,
wie sie schon von den historischen Avantgarden gefordert wurde. Hier
verschwimmen die Grenzen zwischen den Disziplinen und es entstehen völlig neuen
Künstler/innen-Identitäten, wie Speedfreaks, Codepoeten, Datensurfer,
Cybernavigatoren, Infojunkies usw. Teile davon verfügen über umfangreiche
warezes und kodezes, schicken softbots auf die Infobahnen oder bohren - wenn es
sein muß - mit IP-spoofing und speziellem rootkit durch firewalls. Vorausschauend
werden dabei Modellbildungs-Potentiale genutzt, die der soziokulturelle
Evolutionstrend in den etwa letzten 30 Jahren freigesetzt hat und die für den
Technodiskurs einer Generation@ signifikant sein werden. Einzig die heute junge
Generation der Cybernauten, die die Optionen der technologischen Evolution als
Herausforderung begreifen, bürgen für das Egalitätsprinzip in der künftigen
CyberSociety.
KUNSTLABOR
versteht sich als eine Arbeitsgemeinschaft im Bereich postindustrieller
Technokunst, die für die analytisch-kombinatorische Denkfigur mit
kybernetischer Weltsicht steht. Es gilt der Grundsatz, daß in einer anbrechenden
Informationsgesellschaft nicht mehr der Genieblitz von Einzelkämpfern zählt,
sondern die Schnelligkeit der Informationsverarbeitung das entscheidende
Erfolgskriterium ist, dem heute einzig vernetzte, parallel arbeitende
Prozessoren mit gemeinsamer Wissensbasis gerecht werden können. Die idealen
Prozessoren sind der richtige Kommunikationsverbund von Individuen und
Rechnern.
Im technischen
Arbeitsbereich (aber nicht nur da) zielt KUNSTLABOR auf die Realisierung
interdisziplinär erarbeiteter, unkonventioneller Querverbindungen zwischen
angeblich inkompatiblen Systemen. Derartige Aufgaben sind für die Industrie
ökonomisch wenig rentabel, da ein grundsätzlich neuer Aufbau eines Systems
dahingehend effizienter ist. Ausgangsmaterialien sind etwa industrielle
Konfigurationen, tw. mit erreichter Ablauffrist, die auf andere Anforderungen
hin zuerst recycelt und in den Prozeßschritten von Permutation, Kommutation und
Implementierung neu definiert werden. Für ein experimentelles Arbeiten im
Technologiebereich eröffnen sich so neue Problemstellungen, ungewohnte
Arbeitsfelder und unkonventionelle Lösungen.
Auch
das Kunstsystem verfügt über Leistungssektoren in bezug auf andere
Funktionssysteme.
Das heißt, daß etwa die Formel, symbolisches Kapital ist gleich ökonomisches
Kapital, auch im sog. ästhetischen Feld längst keinen Grundwiderspruch mehr
darstellt. Alle Formen der Kunst (auch jene, die auf Authentizität und
Originalität insistieren) können sich heute nur unter den Bedingungen der
medialen Reproduktion konstituieren. Unter diesem Aspekt steht die Kunst-Kultur
mit ihren konventionalisierten Verfahrenswegen (Beispiel: posthistorische Kunst)
heute noch weitgehend für Verdrängung. Und wie Kunstproduktionen in der
Vergangenheit und heute zeigen, haben sich längst spezifische Methoden
ausgebildet, um die die künstlerische Praxis bedingenden gesellschaftlichen
Faktoren bewußt (!) in die Arbeit selbst zu integrieren.
Die
Crux solcher Unternehmungen liegt selbstredend im Wie. In den zahllosen
künstlerisch-gescheiterten Fällen wurde zumeist die Auflage ignoriert, daß
Fakten auch in anderen sozialen Bereichen, wie etwa der Politik, Wirtschaft,
Wissenschaft usw., nur in einer je für diesen Bereich verständlichen Form
kommuniziert, d.h. zugleich an Überzeugungskraft gewinnen können. Wenn also
eine synreferentielle Bezugnahme eine künstlerische Arbeit formieren soll, muß
umso exakter kodiert werden. Praktisch bedeutet das, daß die Kodierung der
Arbeit ebenso der Selbstreferentialität bzw. der selbstreflexiven Reproduktion
des Systems, in diesem Falle des Kunstsystems, folgen muß.
Angesichts
des Tempos weiterer Ausdifferenzierung der Gesellschaften in autonome
Teilsysteme, der Diversifizierung in diverse das Soziale betreffende Bereiche -
Prozesse also, die auch nicht vor dem Kunstsystem haltmachen - , lassen sich
Teile der Künstlerschaft in der Panik, daß ihre Kommunikationsanbote in der
Fülle der Konkurrenz keinen Anschluß finden könnten, dazu hinreißen, die
diffizile Kodierung ihrer Anbote zu vernachlässigen. Das Ergebnis sind dann bspw.
kilometerlange Protokolle von Künstlern qua dilletierender Ethnologen,
Soziologen, Psychotherapeuten etc. auf der einen Seite und die gebastelten
Illustrationen der sogenannten gesellschaftlichen Befunde auf der anderen
Seite. Wenn dann das Interesse für dieses Anbot ausbleibt, etwa weil ein
Interessent ein verwandtes Material von weitaus kompetenteren Personen
vorzieht, hilft nur noch das Vertrauen in die Dynamik des Kunstsystems, in der
Meinung, es werde das schon alles in die "gepflegte Semantik" (Niklas
Luhmann) der Kunst befördern. Tatsächlich aber ist gerade diese Dynamik
gnadenlos.
Ein
künstlerisch-intentionaler Gesamtplan, und sei er noch so vom Movens kritischen
Denkens getragen, zielt schlichtweg ins Leere, wenn er - bei aller gebotener
Aufforderung zum Diskontinuieren - nicht jene Faktoren berücksichtigt, die
strukturell auf Kontinuität abstellen und mithin erst die Möglichkeit eröffnen,
das angebotene Kommunikationsprogramm einerseits als kunstdiskursive
Artikulation zu identifizieren und andererseits sein emergentes Potential zur
Weiterführung des Diskurses zum Tragen kommen zu lassen.
Die
modernen bzw. postindustriellen Massengesellschaften werden in immer kürzeren
Abständen von Komplexitätsschüben erschüttert. Jeder dieser Schübe bedeutet
wiederum, daß jede Änderung der Differenzierungsform, die ihr entsprechenden
Temporalstrukturen erzeugt, die von uns allen nicht unbemerkt immer mehr an
Tempo zunehmen. Für das Kunstsystem, das ein soziales System ist, also ein
systemautonomes Teilsystem der Gesellschaft ist, bedeutet das, daß es ebenso,
wie andere Teilsysteme auch, an die basalen Gesetzmäßigkeiten unserer Gesellschaft
mit temporalisierter Komplexität gekoppelt und somit deren Effekte ausgesetzt
ist.
Das
Kunstsystem hat seinen kritischen Punkt in diesem auslaufenden 20. Jahrhundert
längst überschritten. Die traditionellen Parameter, die noch bis vor kurzem für
die Begründung und Legitimierung der Repräsentationen ausreichten, haben rapide
an Gewißheit verloren. Die vermehrt videografischen und infografischen
Darstellungen führen zur Auflösung herkömmlicher Referenzen. Wie das
historische Archiv der Kunst rückblickend belegt, werden auch die künftigen
Entwicklungen in diesem Bereich durch gesamtgesellschaftliche Faktoren
mitbestimmt.
Nicht
das Ereignis bspw. als Handlung zählt, sondern nur eine Einheit von
Ereignissen, geordnet durch selbstreflexive Selektionsprozesse des betreffenden
Systems selbst, indem ein bestimmtes Muster der Verknüpfung mit anderen
Handlungen gewählt wird. Nur in dieser Weise erhält eine Folge von Ereignissen
den Status von Kommunikation, d.h. zugleich, daß sie nur so als
gesellschaftliche Produktion Geltung erlangen können. Temporalisierte komplexe
Systeme verfügen zwar über anspruchsvolle interne Arrangements, sind aber auch
vermehrt abhängig von Umweltinformationen. Reproduktion in temporalisierten
Systemen wird so zum Dauerproblem.(3)
Mit
dieser Einsicht verstehen wir den Zusammenhang von der Ausbildung der
Eigenkomplexität des Kunstsystems mit der notwendigen Expansion des
Kunstbegriffs in der modernen Kunst, die vermehrte Bezugnahme auf sogenannte
kunstferne Disziplinen und die Einbindung ihrer Themen und Methoden in die
eigene Praxis. Da
nur in der Differenzerfahrung die Möglichkeit von Informationsgewinn liegt,
tendiert der Zugriff der Kunsthandlungsträger im Rennen um den Anschluß an den
Diskurs auf immer sog. kunstfernere Bereiche. Die Gefahr lauert in einer
systemimmanenten Entropie, wenn also, pragmatisch gesprochen, die angestrebte
kommunikative Engführung der Anbote nicht mehr oder sehr ungenügend zustande
kommt. Die Conclusio für die künstlerische Praxis bedeutet demnach, daß die brauchbare
Lösung weniger im Zugriff auf immer kunstfernere Bereiche liegt, sondern - wie
auch das historische Archiv der Kunst bestätigt - in der Nutzung jener
Formbildungs-Potentiale, die der soziokulturelle Evolutionstrend freisetzt.
Im
Mißverständnis der Konsequenz daraus, meinen jetzt Teile der Künstlerschaft,
daß die angemerkten Problemlagen mit einem Schlag ausgeräumt sind, wenn sie
konventionalisierte Kunstparadigmen einfach in´s Internet übertragen. Diesen Eindruck könnte man schon
jetzt gewinnen, wenn man im Internet-Renner World Wide Web blättert. Das
Internet, das ja bekanntlich über eine LAN-konforme offene Schnittstelle
verfügt und so nicht nur zigtausende lokale Netze in der ganzen Welt verbindet,
sondern mithin auch eine Vielzahl von Interessensgruppen, ist grundsätzlich
eine der Sozio-Kultur zugehörige spezifische Form, wo der Status von
Professionisten der Kunst-Kultur - wie schon in den Konzepten der
künstlerischen Telematik vorgesehen - seine Geltung verloren hat. "Nachdem
Wechselseitigkeit und Interaktion die Essenz darstellen, kann ein solches Werk
( Gesamtdatenwerk; Anm. d. Verf.) nicht zwischen ´Künstler´ und ´Betrachter´
unterscheiden, zwischen Produzenten und Konsumenten", wie der englische
Telematik-Pionier Roy Ascott anmerkt. (4) Für letzteren Sachverhalt gibt es
schon den Begriff des ´Prosumers´.
Andersherum
ist der historische Kunstzusammenhang eine Ideenevolution. Das bedingt, daß die
Gegenwart einer jeden Künstlergeneration ihre je eigene Vergangenheit und
Zukunft neu formiert; und mithin ihre je gültigen Positionierungen. Oder
stellen wir einfach fest: daß die etwa im WWW vetretenen Künstler/innen und -
gruppen im Namen der Kunst-Kultur (= Hoch-Kultur) einen Kommunikationsraum
kolonialisieren, den der universitäre Komplex zusammen mit soziokulturell
orientierten Gruppierungen dem US-Militär abgerungen haben und der als
telematische Widerstandskultur Bedeutung erlangt hat. Der Leiter Robert Taylor
des Internet-Vorläufers Arpanet wurde wegen Ungehorsams nach Vietnam
strafversetzt. Heute sind allerdings schon mehr als die Hälfte der
Internet-Bewohner kommerziell orientiert.
Der
intentionale Plan der ELEKTRONISCHEN GALERIE setzt an einem Diskursstrang an,
der mit aller Vitalität die Ideenevolution der modernen Kunst von ihren
Anfängen bis in die Gegenwart formiert hat. Zum Teil aus oben schon angeführten Gründen, steht dieser
Diskursstrang repräsentativ für die Expansion des Kunstbegriffs und wird seit
der Erfindung der Readymades von Marcel Duchamp über Generationen produktiv
weiter fortgesetzt. Spätestens seit 1993 klebt an diesem Strang das Etikett
"Kontext-Kunst".(5) Wir von KUNSTLABOR wollen unseren Ansatz aus
mehreren Gründen von dieser Bezeichnung abgrenzen. Nicht zuletzt in Konsequenz
diverser Überlegungen, wie es etwa Pierre Bourdieu, angesprochen auf den
Begriff des Kontextes in der Behandlung bei Wolfgang Kemp oder bei T. J. Clark,
auf den Punkt bringt: "In beiden Fällen handelt es sich um kraftlose und
inkonsistente Konzepte, die nur beschreiben, daß die Künstler auch von einem sozialen
Universum mit Institutionen umgeben werden."(6) Die Abgrenzung vom
KontextKunst-Begriff ist für uns schon deshalb zwingend, weil auch der 1993
präsentierten Ausstellung ein seltsam befremdliches Pathos anhaftet. So wird in
der Ankündigung im Veranstaltungskatalog die Reanimation eines Avantgardismus
beschworen, dem mit diversen vorrangig dem angloamerikanischen Raum
entstammenden Emanzipations-Diskursen Leben eingehaucht werden soll. In dieser
Anstrengung stört uns vor allem die weltfremde Selbstüberschätzung der
Kunst-Kultur, die doch längst - aus handfesten Gründen - als formbildende Kraft
der symbolischen Ordnung, ihre gesellschaftliche Bedeutung verloren hat. Die
berechtigte Aufrüstung der Kunst gegen Positionslosigkeit und
Orientierungslosigkeit (7) - vor allem in den eigenen Reihen - in einer Zeit,
wo Gesellschaften politisch nach Rechts tendieren, wird aber letztlich erst
recht zum Rohrkrepierer, wenn dabei nicht explizit hervorgehoben wird, daß sich
dieser Avantgardismus vollends vom Anthropozentrismus wie ebenso von allen
universalistischen Heilskonzepten lossagt.
KUNSTLABOR
ersetzt den schwammigen Begriff ´Kontext´ durch ´Strukturen´, und zwar in einem
systemtheoretischen Sinn.
Keinesfalls leiten wir unseren Strukturbegriff von strukturalistischen Theorien
ab, sondern verstehen Struktur von der Notwendigkeit autopoietischer
Sebstreproduktion her. Struktur steht demnach für die systemimmanente reflexive
Selektion. Die Ordnungsleistung der Struktur besteht in dieser Sichtweise
darin, unstrukturierte Komplexität, d.h. den drohenden Zerfall - der zur
Auflösung der Relationierungsmuster der Systemelemente, also zu Entropie führen
würde - in strukturierte Komplexität, d.h. in eine strukturierte Ordnung
überzuführen. Stichwort: "dissipative Strukturen" (8). In welche
Tiefenlage dieser Strukturbegriff reicht wird aber erst dann evident, wenn
Struktur auch im Verständnis von Prozeß nicht nur mit Komplexität, sondern noch
mit (System-) Zeit in Zusammenhang gebracht wird. Da in komplexen sozialen
Systemen nicht jedes Element (sei es als Ereignis oder als Handlung) mit jedem
jederzeit (!) verknüpft werden kann, wird in der reflexiven Selektion, aus
einer Vielzahl von kombinatorischen Möglichkeiten, permanent nur ein bestimmtes
Relationierungsmuster realisiert. Das bedeutet für die Anbieter von
Kommunikationsprogrammen eine hohe Chance und ein hohes Risiko gleichermaßen.
Die gesamtgesellschaftlichen Temporalstrukturen machen das Anbieten für die
Anbieter zum Thrill.
Das
Projekt DIE ELEKTRONISCHE GALERIE ist nach einem ´non-linear Hyper-cycle´
konzeptualisiert:
In einem zirkulären Verbund erzeugen die Informationsträger (I1, I2, I3 usw.)
die Katalysatoren (K1, K2, K3 usw.), die wiederum die Vervielfältigung der
Informationsträger (I) unterstützen, usw. Das Projekt funktioniert insgesamt so
nur aus dem Zusammenwirken von sich zirkulär wechselseitig bedingenden
Komponenten: *das basale Kommunikationsprogramm (das mentale Diskursanbot);
*die technisch-elektronischen Konfigurationen (die Hard- und Software); *der Intervenient
und seine Aktanten (die involvierten Personen); *der dynamisch-komplexe
Kommunikationsraum (die div. sozialen Felder der Ideologieproduktion).
Das
vorliegende elektronische Netzwerk dient nicht zur Optimierung von
Kommunikationen (es ist ein geschlossenes Netzwerk ohne Anbindung an das
Internet), sondern fungiert zusammen mit den anderen Komponenten als ein
Meta-Modell, wo durch Relationieren von Systemelementen über Kommunikation
selbst kommuniziert wird.
Das
Verhältnis der ELEKTRONISCHEN GALERIE zu den anderen Realitätskonstrukten, die
ihr Milieu ausmachen, ist ein indexikalisches. D.h. sie ist als Kunst an die
systemimmanente Logik gebunden. Oder: sie ist in Differenz von Identität und
Differenz anderer Realitätskonstrukte. Die technisch-elektronischen Komponenten
der ELEKTRONISCHEN GALERIE, die an der Komplexität gemessen, sowohl strukturell
wie funktionell einfach sind, verhalten sich zu dem, worauf sie projiziert
sind, wie ´triviale Systeme´ im Sinne von Glasersfeld. Das bedeutet, es kann
eben nur in dieser Weise damit modelliert werden. Indem diese Komponenten aber
als simple Input-Output-Modelle der Dynamik komplexer Kommunikationsräume
ausgesetzt werden, gewinnt das Projekt, das nichts imitiert, kopiert,
parodiert, schon gar nicht etwas widerspiegelt oder repräsentiert, über seine
physikalische Beschränkung hinaus an Eigenkomplexität.
Das
Projekt DIE ELEKTRONISCHE GALERIE ist keine Kunst der Netzhaut, sondern eine
´Symptomverschreibung´.(9)
Der Galeriebetrieb funktioniert demnach denkbar einfach: Zirka fünfzig
Künstler/innen sind zur Teilnahme eingeladen und können ihre Beiträge mittels
Computermodem oder Faxgerät zu jeder Zeit in das Netz posten. Die Sichtstellen,
die an beliebigen Orten und in unbegrenzter Zahl aufgestellt werden können, nehmen
nach Anschluß an Steckdose und Telefonleitung selbständig ihren Betrieb auf und
aktualisieren sich und somit das gezeigte Galerieprogramm automatisch durch
tägliche Datenübertragung per Telefonleitung und Modem von der Zentrale. Die
Anzeige der Ausstellung erfolgt unwiderruflich, entweder auf einem integrierten
LCD-Bildschirm (LCD-Panel) oder auf dem eigenen Fernsehapparat (Channel 37), in
Form von sich permanent im Minutenrythmus abwechselnden Standbildern.
Unter
STRUKTURORIENTIERTER KUNST verstehen wir jene Ansätze, die mit den Methoden der
Kunst die sie bedingenden Prozesse der Reproduktion konzeptuell, gleichsam
endogen, in die künstlerische Arbeit selbst einführen. Es geht bei all dem nicht um
sogenannte Inhalte, wie sie naiverweise immer wieder in den Diskussionen um die
Kunst gefordert werden. Auch nicht um ´das sinnstiftende Subjekt´, daß ja ein
anthropozentrisch genährtes Phantasma ist. Denn erst in der Ordnungsleistung
der Struktur kommt den Letztelementen (Ereignisse, Informationen etc.) Sinnkonstitution
zu; und es ist die selbe Anordnung der Elemente (keine Seinseinheiten !), die
den Inhalt ergibt, aber zugleich auch die Form ausmacht. Es geht also um die
Differenz selbst, die Form ist. Oder anders ausgedrückt: Nicht der Inhalt der
Kommunikationen an sich ist relevant, sondern der ´Beziehungsaspekt´. Der
´Inhaltsaspekt´ steckt zwar in den Daten, aber nur die gemeinsame motivationale
Basis von div. Personen bspw. für Widerstand, schafft die Bedingungen für eine
Revolte.
F.E.Rakuschan
Anmerkungen:
(1) Die
EFF wurde von Mitchell D. Kapor (Eigendefinition: Pionier im Cyberspace)
gegründet und ist eine Stiftung, die ursprünglich als Rechtshilfefonds für
Computerhacker eingerichtet worden war. Heute ist sie eine von der
Clinton-Regierung respektierte Institution, die nunmehr ganz allgemein für den
Schutz der Bürgerrechte in der Welt der Computernetze eintritt.
(2)
Bertolt Brecht: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. Rede über die Funktion
des Rundfunks. In: ders.: Gesammelte Werke, Bd. 18. Frankfurt/Main; Suhrkamp
1968.
(3) s.
dz. Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie.
Frankfurt/Main; Suhrkamp 1987.
(4) Roy
Ascott: Gesamtdatenwerk. In: Kunstforum, Bd. 103; Sept./Okt. 1989.
(5) Im
Rahmen des steirischen herbst '93 wurde die Ausstellung Kontext Kunst
veranstaltet. Kurator: Peter Weibel. S.dz. auch: Peter Weibel (Hg.): Kontext
Kunst, The Art Of The 90´s. Köln; DuMont 1994.
(6)
Pierre Bourdieu interviewt von Isabelle Graw: Selbstbeziehung. In: Texte zur
Kunst, 2. Jhg., Nr. 6; Juni 1992.
(7) s.
dz. im Veranstaltungskatalog steirischer herbst ´93, S. 87/88.
(8) s.
dz. Ilya Prigogine/ Nicolis Gregoire: Die Erforschung des Komplexen. München
1987.
(9) Die
Technik der ´Symptomverschreibung´ wird als psychotherapeutische Kommunikationsform
angewendet. Im Prinzip wird ein schon bestehendes Verhalten des Patienten vom
Therapeuten demselben ´verschrieben´. "Ein Symptom ist eine spontane
Verhaltensform, so spontan, daß selbst der Patient es als etwas
Unbeherrschbares empfindet. Dieses Schillern zwischen Spontaneität und Zwang
ist es, das ein Symptom paradox macht, und zwar sowohl im subjektiven Erleben
des Patienten als auch in seinen Wirkungen auf andere." Paul Watzlawick,
Janet H. Beavin, Don D. Jackson: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen,
Paradoxien. Bern/Stuttgart; Huber 1990. S. 220/221.
KUNSTLABOR sind:
Franz
Xaver
Studium
bei Peter Weibel (Mkl. für visuelle Mediengestaltung) in Wien. Lehraufträge:
Computersprachen, Audiovisuelle Produktionen, Elektronik und Elektrotechnik bis
1992 an der Hochschule für angewandte Kunst; Kommunikationstheorie an der
Technischen Universität in Graz. Zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen im In-
und Ausland, u.a. Ars Electronica, Aperto - Biennale di Venezia, Triennale
Milano, Kunst und Ausstellungshalle der BRD in Bonn. Gründungsmitglied von
KUNSTLABOR.
Max
Kossatz
lebt
und arbeitet in Wien. Mitarbeit seit 1993. Während der KUNSTLABOR-Aktion mehr
apparate knacken (MAK) im Februar 1996 hat er sich von der Gruppe getrennt.
Oskar
Obereder
lebt und
arbeitet in Wien. Studium an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien, Mkl.
für visuelle Mediengestaltung. 1990 - 93 Betreiber von DEAD DOG GALLERY. 1993
Gründung der Diskursformation "tausend meisterwerke". Betreiber
von SILVERSERVER - The Top Adress for Prosumers. Gründungsmitglied von KUNSTLABOR.
F.E.Rakuschan
lebt
und arbeitet in Wien. Schwerpunkt: Kunsttheorie, Medienwissenschaften. 1991 gm.
mit A. Braito und H. Mark: Objet Massacré - Kunsthandlungssyndrome der 80er
Jahre, Video 33:00 min. (I. A. d. Akademie d. bild. Künste in Wien.) Seit 1993
Mitglied der Diskursformation tausend meisterwerke, und seit 1994 von
KUNSTLABOR.
Förderungspreisträger
für Medienkunst 1994.
"Wir
verstehen uns als eine Arbeitsgemeinschaft im Bereich postindustrieller Technokunst,
die für die analytisch-kombinatorische Denkfigur mit kybernetischer Weltsicht
steht." (KUNSTLABOR)